Christoph Göpfert (Hrsg.)

Das lebendige Wesen der Erde - Zum Geographieunterricht der Oberstufe

in: Menschenkunde und Erziehung, Bd. 79

Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1999, 223 S., viele Fotos, Abb., Karten und Skizzen

Der Titel eines Buches ist ein Programm - er muß begründet werden. Dies unternimmt der Herausgeber Christoph Göpfert in der Einleitung. Wo finden sich im Weltwissen, in der Überlieferung aus älteren Zeiten Spuren einer Betrachtung "Das lebendige Wesen der Erde" betreffend? Hier greift Göpfert erst einmal auf das 19. Jh. zurück, streift die ferne Zeit nur kurz und beschäftigt sich dann ausführlicher mit den Ansätzen, die im letzten Viertel des 20. Jhs. gemacht wurden, u.a. von den beiden Engländern James Lovelock und Rupert Sheldrake. Lovelock betitelt eines seiner Bücher mit Gaia - beschreibt darin aber häufig eher Regelkreise als Organismen. Etwas ausführlicher wird Sheldrakes Ansatz mittels morphologischer Felder diskutiert und beiden Ansätzen dann der von Rudolf Steiner gegenübergestellt. Analysiert man von Steiner ausgehend die modernen naturwissenschaftlichen Ansichten, wird schnell deutlich, an welcher Stelle letztere steckenblieben oder einfach noch nicht zuende gedacht wurden. Im Klartext: Wir erwarten vom anthroposophischen Ansatz zweierlei: a) ein tiefes Verständnis der globalen Zusammenhänge und b) eine Methode, dies zeitgemäß in der Interaktioin mit Jugendlichen gemeinsam zu entwickeln(früher hätte man wohl gesagt: "Lehrer lehrt Schüler"). Göpfert formuliert das Anliegen des Buches: " ... ein erweitertes Verständnis unseres Planeten zu erschließen und Anregungen zu geben, wie man eine solche Sichtweise für den Geographieunterricht der Oberstufe fruchtbar machen kann. Denn gerade Jugendliche bewegt heute latent durchaus die Frage nach dem Wesen der Erde als eines Organismus. Mechanistische Erklärungen genügen ihnen meist nicht mehr ...".

Vom Vorgehen her ist kurz folgendes zu sagen: Christoph Göpfert fungiert als Herausgeber und ist somit für die Gesamtkonzeption verantwortlich. Er schrieb die Einführung und die Vorbemerkungen zu beiden Hauptteilen sowie drei Einzelbeiträge. Andreas Suchantke und Dankmar Bosse lieferten je zwei Kapitel, die übrigen Autoren jeweils eines.

Die meisten Kapitel erschienen schon in früheren Jahren (zwischen 1954 und 1997 in den Zeitschriften ‘Erziehungskunst’ und ‘Die Drei’), vier von insgesamt vierzehn Beiträgen sind Originale und damit Erstveröffentlichungen.. Beim Lesen bemerkt man durchaus den zeitbedingten Sprachhorizont, der manche Wendung heute auch kritischer bewerten läßt als zur Zeit der Erstveröffentlichung - aber davon später.

Die Anmerkungen und Literaturangaben stehen kapitelweise, sind also jedem Beitrag direkt zugeordnet. Am Ende des Buches finden sich die Quellenangaben (Erstveröffentlichung und Bildnachweis) sowie eine Sammlung von Autorenkurzbiographien. Soweit erst einmal der allgemeine Rahmen, der 223 Seiten umspannt.

Nun zu den Einzelheiten:

‘Die Vorgeschichte des Menschen begann in Afrika’. In Mittelkenia wurde 1973 ein abgeschliffener Backenzahn gefunden, der menschlicher Natur war und über 6 Millionen Jahre überdauerte. So beginnt Wolfgang Schad seinen Artikel "Afrika - das Geburtsland der Menschheit". Eine Situation wird von einem Spot beleuchtet, dann weitet sich der erhellte Umkreis auf mit der Frage: ‘Wie war die Erde gerade dort beschaffen, wo die Menschheit entstand?’ Schad schildert den Kontinent von seiner geologischen Basis her als ruhenden Mittelkontinent, der prinzipiell große abflußlose Becken hat - in der jüngeren (geologischen) Vergangenheit fraßen sich Flüsse durch die Randgebirge und entwässerten die binnenkontinentalen Gewässer. Vom Gesichtspunkt wandernder Kontinente aus wird verständlich, wie viele Teile sich von diesem Kontinentalblock wegbewegten und warum Afrika im Ostteil von großen Grabenbruchsystemen durchzogen ist. Schad vertieft diese Gedanken und ergänzt seine Betrachtungen durch Beispiele aus Mitteleuropa sehr anschaulich. Dann lenkt er den Blick auf das Geburtsland der Menschheit. Entlang der Rift-Valleys breiteten sich die Hominiden nach Norden aus. Als extremsten klimatischen Gegensatz hebt er den eisbedeckten Gipfel des Kibo unter der Äquatorsonne hervor. Damit stehen für eine Entwicklungssituation alle Möglichkeiten offen. Einzigartig auf der Welt ist auch die Tierwelt Ostafrikas in ihrer Mannigfaltigkeit und Menschennähe. Elefant und Giraffe werden separat geschildert. Dort, wo der Mensch sich entwickelte, sucht und findet Schad Gesten des Ich in der Tierwelt, in der Pflanzenwelt und verbindet diese Gedanken mit der geologischen Sondersituation des Herzens Afrikas, die dieser Entwicklung die Grundlage gab. Gleichsam als Abschluß und Ausblick dient die Gegenüberstellung der vier Menschenaffenarten mit den vier Temperamenten - ein Bild, das allein aus der Schilderung der Phänomene entsteht und nicht aufgezwungen wirkt. Schad nimmt den Leser mit, in großen Bögen, auch Höhenflügen. Er bleibt dabei aber wissenschaftlich exakt und zwängt seine Ideen niemand auf. Eine selten erreichte Ausgewogenheit. (34 Literaturvermerke).

Andreas Suchantke ("Mensch und Natur in anderen Kulturen und Kontinenten") widmet sich zwei voneinander entfernten Regionen: Südamerika wird als Kontinent geschildert, in dem sich die eingewanderten Menschen nur wenig mit ihrer neuen Heimat verbunden haben. Zerstörung vorhandener Kulturen und Ausbeutung der Ressourcen sind die Folgen. Beispiele aus Afrika ergänzen diese Betrachtungen. Wenn Suchantke von Tieren kategorisierend spricht, kann man gut folgen. Unangenehm berührt jedoch kann man von dieser Sprache werden, wenn sie sich auf Menschengruppen und -rassen bezieht (‘der Indio, der Weiße, der Schwarze’ (S. 38)). Die Flora und Fauna Südamerikas schildert Suchantke jedoch eindrucksvoll und hebt den Gegensatz zu Sri Lanka deutlich hervor: ‘riesenhafte Regionen ausgezehrter Natur’ (S. 40) stehen einer Welt gegenüber, in der es ‘keine Trennung, erst recht keine Feindschaft zwischen Natur und Kultur gibt.’ Auch dies wird lebendig durch Wortbilder der Pflanzen- und Tierwelt. In der steht der kulturtragende, religiöse Mensch als kontemplativer Mittelpunkt. Zwei Haustiere, Wasserbüffel und Elefant, beide auch als Übergangsformen zu Wildtieren, schildert Suchantke im Einzelnen und belegt dies durch herrliche Bilder. Den Abschluß bildet eine Fallstudie aus Brasilien: der biologisch dynamische Betrieb der Estancia Demetria. Hier wird zerstörter Boden wieder aufgebaut, Obst, Gemüse, Reis angebaut, auch Heil- und Gewürzkräuter, Milchwirtschaft wird betrieben. Kurz: ein Musterbetrieb, der landschaftspflegend arbeitet und der Landflucht der Menschen entgegenwirkt (14 Literaturvermerke).

Giselher Wulff vergleicht in "Geographische Polaritäten" Zentral- und Ostasien mit Nordamerika. Zentralasien beherbergt Hochebenen und -becken (Tarim-Becken, Dschungarei, Gobi). Große Flußsysteme existieren dort und enden abflußlos. Seen und Flüsse sedimentieren große Mengen und wechseln Ort und Lauf (Lop Nor, Tarim). Der Lößstaub wird über Gebiete von der Größe Europas getragen. Die großräumigen Windsysteme wechseln etwa halbjährlich und bilden einen ein- und ausatmenden Jahresrhythmus für Natur und Mensch. ‘Ob Staub oder Regen: Ostasien ist an Niederschlägen reich gesegnet’ (S. 58). Für Asien läßt Wulff zwei Reisende sprechen - Hedin und Richthofen - ebenso für Nordamerika - Max Prinz zu Wied und Catlin. In Amerika fallen die Canyons, die gigantischen Schluchten besonders ins Auge. Hier fressen sich die Flüsse ins Land hinein, ihr Lauf bleibt zwangsläufig ortsfest. Aus der Ebene geht es unvermittelt in die Vertikale. Ähnliche Tendenzen zeigt das Klima. Die Temperatur wechselt schnell und mit riesigen Sprüngen. Heiße und polare Luftmassen werden über den Kontinent ohne Ost-West-Gebirge hin und her verfrachtet. In einer polarisierenden Zusammenfassung steigert Wulff nochmals tabellenartig das zuvor ausgearbeitete. Dieselbe Methode wendet er an bei seiner Betrachtung zu Mensch und Landschaft: Aufsteigende Elemente, geschwungene Dächer in Ostasien kontrastieren mit fundamentbetonten, erdenschweren Pyramiden Mittelamerikas. Mit einer Fragestellung schließt Wulff ab: Welche Erdenwirksamkeit beeinflußt die auf ihr lebenden Menschen so tiefgreifend, daß sie religiöse Bauwerke so unterschiedlich gestalten? (20 Literaturvermerke).

Damit endet der 1. Teil des Buches, der ein Verständnis der Erde aus dem Wesen der Landschaft gewinnen wollte. Es waren drei methodisch und inhaltlich sehr verschiedene Aufsätze, aber alle sind sie mit Gewinn zu lesen.

Der 2. Teil geht nun zur speziellen Fragestellung über - zum Geographieunterricht in den Klassen 9 bis 12.

In der Vorbemerkung legt Göpfert den Tatbestand auseinander: Bis zur 8. Klasse gibt es differenzierte Lehrplanangaben von Steiner. Ab der 9. Klasse werden sie spärlicher, oder anders formuliert, freilassend. Als Grundlage kann dienen: eine Betrachtung der festen Hülle der Erde in der 9. Klasse, der beweglichen Luft- und Wasserhüllen in der 10. Klasse. Für die Klassen 11 und 12 kann man nur noch spärlichste Hinweise bei Steiner finden. So widmen sich auch die nächsten 6 Aufsätze überwiegend der festen Gesteinshülle. Eines bleibt aber auch für die folgenden Klassen deutlich: Steiner hatte wohl immer gesamtweltliche Aspekte für die Geographie der Oberstufe im Blick. Dies versuchen die übrigen Aufsätze dem Leser nahezubringen.

Hans-Ulrich Schmutz ("Erdwesenskunde als Menschenkunde") beginnt mit einem erkenntnistheoretischen Exkurs aus Witzemanns Strukturphänomenologie: ‘Ein Begriff kann aktualisiert, intensionalisiert, metamorphosiert und inhäriert werden’. Hieraus leitet sich eine Methode für die wissenschaftliche Untersuchung und für den Oberstufenunterricht ab. Ihre Fruchtbarkeit wird demonstriert. Schmutz geht aus vom sogenannten Gebirgskreuz der Erde - zwei senkrecht aufeinanderstehenden über-, teils untermeerischen, erdumspannenden Gebirgszügen. Dies wird erweitert und mit den Kompressions- und Dilatationstetraedern zusammengedacht, die als sphärische Gebilde ebenfalls erdumspannend sind. Aus diesem Grundkonzept leitet Schmutz ein Konzept für Klassen 9 bis 12 ab, stufenweise aufeinander aufbauend.

9. Kl.: Die Erde als Ganzes in ihrem Physischen Aufbau.

10. Kl.: Raumgeometrie der Kristalle und Luft-, Wärme- und Wasserhülle der Erde.

11. Kl.: Astronomische Aspekte und ihre Rückwirkungen auf die Erde (z.B. in Eiszeiten)

12. Kl.: Gestaltwandel der sphärischen Tetraeder durch die Erdgeschichte und Gestaltwandel des Menschen (Paläonthologie) - Entsprechungen von Schädel- und Erdkörperstrukturen. (12 Literaturvermerke).

Walter Liebendörfer geht es in seinem Aufsatz um "Erfahrungen in der Geographie und ihre Vertiefung zu geistigem Verstehen". Er schildert sehr lebendig und anschaulich Exkursionen in Skandinavien, z.B. eine geologisch orientierte zu den Lofoten. Hier kann direkt beobachtet werden, um wieviel sich Skandinavien über den Meeresspiegel erhoben hat, seit die Gletscher der Eiszeit abtauten. Durch viele ergänzende Facetten wird ein derartiges Erlebnis vertieft. Der ganze Aufsatz wird durch die 11 Aquarelle des Autors aufgewertet - sie zeigen, wie künstlerische Tätigkeit nicht außen vor bleiben muß, wenn wissenschaftlich exaktes Arbeiten erforderlich ist. Liebendörfer endet nicht, ohne gegenwärtige Problemfelder wie Überdüngung und Bodenvergiftung ins Bewußtsein gehoben zu haben. Im Gegenzug nennt er auch die Quelle aus der geschöpft werden kann, um die Probleme zu lösen. Insgesamt eine Arbeit, die zeigt, wie künstlerisch-exakt bis in die Oberstufe hinein gearbeitet werden kann und welche Wirkungen davon zu erwarten sind. (4 Literaturvermerke).

Hermann Fink beschäftigt sich in einem kurzem Aufsatz ohne Bild und Karte mit dem (Gebirgs)kreuz der Erde. Er arbeitet zusätzlich zur physischen Gestalt eine zeitliche heraus: Jahreszeitengang beim Weg von Nord nach Süd, Tageszeitengang in Ost-West-Richtung. Man merkt dem Aufsatz von Fink sein Alter von 45 Jahren an - die Idee der Plattentektonik war damals noch nicht geboren (Kontinentalverschiebung wohl). Aus den damals gültigen Ideen leitete Fink noch ein dritte Kreuzstruktur ab, die er den endogenen und exogenen Kräften zuordnet, den Kräften der Hebung und Abtragung. Vom historischen Ansatz her sind diese Seiten immer noch lesenswert. (1 Literaturvermerk).

Christoph Göpfert schildert die "Erdgeschichte als Lebensvorgang" und greift Gedanken seiner Einführung auf (zeitlich war es wohl umgekehrt). Er zitiert ausführlich den Geophysiker Siever, der 1987 die Erde als hochdifferenzierten Organismus beschreibt. Wichtig für Göpfert ist, daß das Denken im Organischen das Denken im geologischen durchdringen muß - ein zentrales Motiv der Gegenwart also: Wie durchsetze ich Totes, tote Strukturen mit Lebensimpulsen. Dieses Motiv arbeitet er kurz historisch auf und wendet sich dann der konkreten Umsetzung im Unterricht zu. In 4 Schritten durchwandert der Leser die Erdgeschichte vom Quartär aus rückwärts bis ins Präkambrium. Die Arten der alpinen Gebirgsbildungen mit ihren Knoten und Ästen werden untersucht, die Ideen der Plattentektonik stehen dabei im Hintergrund. Im Erdmittelalter ergibt sich eher ein Bild der Ruhe - es gibt rhythmische Hebungen und Senkungen, Auffaltungen fehlen. Als Leitsediment kann der Kalk gelten, der in großen Mengen abgelagert wird. Im Erdaltertum dagegen finden wir wieder 2 Phasen der Gebirgsbildung, als Leitgesteine könne die Schiefer gelten. Im Präkambrium finden wir die ‘urtümlichsten’ Gesteinsbildungen, aber auch seit wenigen Jahrzehnten Spuren anfänglicher Fauna. und Flora. Zum Abschluß greift Göpfert nochmals auf Lovelock zurück, erweitert dessen Ansätze aber entscheidend, denn zu einem Organismus, auch wenn er erdgroß ist, gehören logischerweise noch andere Wesensglieder als nur das physische. Der Artikel wird durch sehr gut gewählte Karten, Schnitte und Skizzen ergänzt. (13 Literaturvermerke).

Dankmar Bosses Thema ist "Phänomenologischer Geologieunterricht in der Oberstufe". Er diskutiert einleitend zentrale Widersprüche oder zumindest Fragestellungen, mit denen man (d.h. auch der Schüler) sich auseinandersetzen muß. Beispiel: Wenn 10 m Torf letztlich zu 1 mm Steinkohle verdichtet werden, wie sind dann 30 m dicke Kohleflöze entstanden? Dies ist die Frage, wenn gegenwärtige Prozesse ohne Verwandlung in die Vergangenheit zurückgedacht werden. Noch schwieriger sind äquivalente Fragen bei magmatischen Gesteinen. Den Ausweg sucht Bosse, indem er als Geologe das aktuelle Fachwissen auf die von Steiner herrührenden Gedanken einer Lebenssphäre der Erde überträgt. Dann müßten ferne Erdzustände eher kolloidal denn fest gedacht werden und die Ausfällungen nehmen wir heute als Ablagerungsgesteine bestimmter Epochen wahr. Dieses Bild im Hintergrund entfaltet Bosse eine Möglichkeit eines phänomenologischen Geologieunterrichts, der idealerweise durch Exkursionen in die entsprechenden Landschaften ergänzt werden müßte. Fachkundig vorgetragen und durch einige Zeichnungen ergänzt, finden sich hier viele Anregungen. Kurz - es stehen sehr viele Facetten nebeneinander, eine Fundgrube, besonders für Kenner. (14 Literaturvermerke).

Bosses zweiter Aufsatz widmet sich dem Berg- und Talkreuz Mitteleuropas. Es handelt sich also nicht um das hier schon mehrfach angesprochene Gebirgskreuz der Erde. Durch tektonische Vorgänge in der Kruste ergaben sich zwei Hebungs/Senkungs - Kreuzstrukturen, die Mitteleuropa prägen. In der 50 Jahre alten tektonischen Strukturskizze von H. Cloos kommt dies zur Anschauung. Das Talkreuz wird durch alte Bruchstrukturen gebildet. Wenn sonst die Erde als ganzes im Blickfeld war, dann haben wir hier eine Fallstudie für ein geologisches Detail. (8 Literaturvermerke).

Nach diesem Abschnitt verlassen wir die geologisch dominierten Kapitel.


Klaus Rohrbach
nimmt "die Erde als Ganzes - ein lebendiger Organismus" ins Blickfeld und beginnt einerseits mit einem langen Zitat von W. H. Preuss aus ‘Geist und Stoff’ und andererseits mit einer politisch-sozialen Standortbestimmung. ‘Die Grenzen des Wachstums’ und ‘Global 2000’ waren programmatische Bücher, die unser aller Bewußtsein veränderten, Tschernobyl und die UNO-Entwicklungskonferenzen taten ihr übriges. Es wird schnell klar - in der 10. Klasse ist das Thema die Luft-, Wärme und Magnetfeldhülle der Erde, deren Strömungen und sonstige dynamischen Prozesse. In diesem Bereich reagiert die Erde schnell bis spontan, ganz anders als in der Geologie. Vom Aufbau her nähert sich Rohrbach von außen der Welt, untermalt durch Astronautenfotos und untersucht dann detailliert die oben angesprochenen Hüllen im Einzelnen. Das geht nicht ohne die Diskussion der gegenwärtigen Theorien und Erkenntnisse über die Gestalt der Erde (Kugel - Ellipsoid - Geoid) und die Entwicklung des Doppelplanetensystems Erde - Mond. Steiners jahrelang unverständliche Mitteilung über eine Lebenssphäre in den Tiefen der Erde wurde vor wenigen Jahren erst verständlich, als wimmelndes (Bakterien)Leben in mehreren Kilometern Tiefe durch Bohrungen entdeckt wurde. Ganz kurz wird die Bewegung der Kontinente gestreift, dann detailliert die Atmosphäre beschrieben, ihre Zirkulation und ihre magnetischen Effekte, die im Polarlicht sichtbar werden. Auch über die weltumspannenden Zirkulationsströme des Meerwassers gewannen wir erst in jüngster Zeit ein halbwegs vollständiges Bild. Kleinräumige Spiralströmungen formen Flußbetten und -lauf, großräumigere ganze Küsten- und Deltazonen. Im Satellitenbild wird man unmittelbar an organische Präparate erinnert - allein aus der Anschauung heraus stellt sich die Frage nicht mehr, ob die Erde ein Organismus ist - es ist evident. Göpfert wählte dieses außerordentlich eindrucksvolle Bild aus Westbirma auch zum Titelbild des Buches. Für Schwankungen der Erdachse liefert Rohrbach im fließenden Text das wichtigste Zahlenmaterial und Daten wie nebenbei. Auf dieser fundierten Basis läßt sich jederzeit aufbauen. Die Schlußfrage Rohrbachs ist eine gegenwärtig aktuelle und für Jugendliche sogar existentielle: Ist der Mensch eher ein Störfaktor, der den Organismus Erde krank macht und wäre es ohne Menschheit nicht besser? Man kann hierüber viel nachsinnen und in eine (oft beobachtete) depressive, nihilistische Haltung verfallen. Der von Steiner gezeigte und von Rohrbach für diese aktuellen Gegenwartsfragen hier ausgeführte Ausweg löst ein vermeintliches Dilemma: der Mensch muß seine Rolle als Pfleger finden und annehmen, in allen Bereichen. Die hier gefundene Antwort befriedigt noch den erwachsenen Leser tief - die heilende Wirkung auf Jugendliche wird ungleich kräftiger sein. Die gesamte Argumentation kann hier nur etwas trocken, berichtend angedeutet werden - der interessierte Leser möge das Original zur Hand nehmen. Dieses Kapitel zeugt von tiefem Einfühlungsvermögen des Autors in latente Jugendfragen, ist wissenschaftlich topaktuell und trifft genau den Zungenschlag, der moderner anthroposophischer Fachliteratur angemessen ist. Für mich ist hier das zentrale Kapitel des Buches - ohne die übrigen abwerten zu wollen! ( 50 Literaturvermerke).

Burckhardt Großbach kümmert sich um Zukunftsperspektiven und umreißt seine Überlegungen zum Geographieunterricht der 11. Klasse. Nach kurzer Einführung gibt er einen kulturgeographischen Abriß. Er breitet die 10 Landschaftsgürtel der Erde aus, die sich wieder vierfach rhythmisch gliedern, parallelisiert sie mit den Klimaten und der Vegetation und wirft von dieser Warte aus ein Schlaglicht auf die menschlichen Wirtschaftsformen in der jüngeren Vergangenheit (z.B. Kolonialismus und Kolonialwaren) und Gegenwart. Mehrere konkrete Fallstudien bereichern das Bild und zeigen, was Menschen tun können, die die zerstörte Erde pflegerisch behandeln oder als Banker Selbsthilfe fördern. Wenn man gezielt sucht, findet man überall Positivbeispiele, z.B. auch bei diversen Schuldentauschmodellen, die bereits erfolgreich praktiziert werden. Die Botschaft bei Großbach ist so zwar nicht direkt formuliert, dennoch aber klar sichtbar: Jeder Einzelne hat es in der Hand, sich von Negativbeispielen der weltüberspannenden Interaktionen deprimieren zu lassen, schlimmstenfalls mitzuwirken oder sich durch die Positivbeispiele zu beflügeln - Freiheit für das Individuum in der Entscheidung. (9 Literaturvermerke).

Das vorangegangene Thema greift Suchantke unter etwas anderem Blickwinkel auf und fragt konkret: "Was geht uns der Regenwald an?" Einige Beispiele konkretisieren dies sofort, hier seien nur zwei Stichworte genannt: Tschernobyl, Ozonloch. Die Verursacher sind physisch lokalisierbar, die Auswirkungen global, das Denken, das zur Katastrophe führt, ist Zeiterscheinung. Am Beispiel der Regenwälder, speziell am brasilianischen, führt dies Suchantke aus - die südbrasilianischen Wälder wurden flächendeckend abgeholzt, 1975 drang antarktische Kaltluft weit nach Norden vor, ein Großteil der Kaffeepflanzungen erfror - eine nachvollziehbare Ursache-Wirkungskette. Der Regenwald ist uns in Mitteleuropa meist relativ fremd. Deshalb wird er erst phänomenologisch geschildert und das alles eindrucksvoll bebildert. Von der Pflanzenwelt geht der Blick zur Tierwelt. Langsam aber sicher kristallisiert sich ein Bild heraus: Bei aller Artenvielfalt wird die Form der Pflanzen- oder Tierart unterdrückt zugunsten einer gemeinsamen Ausdrucksgebärde, sei es in der Blattform, sei es in der Farbgebung. Weiterhin wird deutlich, dass der Regenwald nicht der Lebensraum der Großsäugetiere ist. Diese bevorzugen die Savannen. Darüber hinaus wird dargelegt, dass der Regenwald auf völlig unfruchtbarem Boden wächst und sich seinen Humus gleichsam selbst erzeugt (warum aber der Autor, der diese Tatsache in Deutschland bekannt machte, nämlich Wolfgang Weischet, im Literaturverzeichnis fehlt, bleibt unverständlich; zumindest findet Weischets langjähriger Partner Sioli Erwähnung). Sehr lebendig und so auch für andere umsetzbar schildert Suchantke, wie die Hauptlebenssphäre im Regenwald im Kronenbereich abläuft, in 40 - 60 m Höhe (bestimmt nicht "cm" (S. 183)), wie der südamerikanische Regenwald seine letztlich notwendige Mineraldüngung durch Staubverfrachtung aus der Sahara erhält und wie er trotzdem insgesamt überaltert. Hier setzt der Autor nun an für Zukunftsaspekte, die er im Verjüngen des Waldes sieht, in der Belebung des Bodens, in der direkten Waldpflege. Dass dies schon einmal in der Geschichte so gewesen sein mußte, nämlich in Yucatan bei den Olmeken und Mayas, bildet den Abschluß dieses Artikels. Aus einer Zeit Jahrhunderte vor der europäischen Kolonialisierung bis heute sind die Nachwirkungen einer Regenwaldkultur, einer Waldpflege sichtbar. ( 37 Literaturvermerke plus 11 weiterführende Literaturnennungen).

Die beiden abschließenden Artikel stammen wieder aus der Feder des Herausgebers. In "Wirtschaftsstufen - Bewußtseinswandel - Sternenwirken" widmet sich Göpfert einem möglichen Thema der 12. Klasse. Er verbindet die Wirtschaftsstufe aber, anders als in vielen gängigen Geographiebüchern, mit der Bewußtseinsstufe der Menschen (was logischerweise einen Evolutionsgedanken voraussetzt). Viele Facetten sind über ethnographische Literatur zugänglich und werden von Göpfert auch verwendet, manches läßt sich noch in der Gegenwart studieren. Göpfert gruppiert nach Jäger, Sammler und Hackbauvölkern, Hirtennomaden, Pflugbauern, alte Stadtkulturen, Industriegesellschaft. In wenigen Sätzen wird deutlich, dass Jäger, Sammler und Hackbauern eine flüchtige Verbindung zur Erde haben, diese aber trotzdem generell als beseelt erleben. Diese Erfahrung scheint bei den Wanderhirten abgeschwächt, sie waren aber dem Raum gegenüber frei, der Erde eigentlich gar nicht verbunden und andererseits wurden sie die klassischen Träger der monotheistischen Hochreligionen. In Pflugbauerngesellschaften finden wir das Gegenbild - tiefe Verbindung mit der Erde und andererseits geschlossenen polytheistische Mythologien, Götterhierarchien. In den Stadtkulturen wird dies gesteigert und die Menschen schlossen sich durch Häuser und Mauern ab. Ein Bewußtseinslicht verdunkelt sich. Die Industriegesellschaft ist Gegenwart, global, das Bewußtsein auf die Stoffeswelt gerichtet. Gegen Ende führt Göpfert die Hinweise Steiners auf, die kosmische Einflüsse belegen und dieses Weltkulturschema nochmals auf eine neue Stufe heben. (4 Literaturvermerke).

Mit der "Erziehung zur Zeitgenossenschaft" sind wir beim Schlußkapitel angelangt. Göpfert geht nochmals durch die 4 Klassenstufen, reißt die Inhalte kurz an. Wenn die Erde nach Menschengesellschaften und Menschengruppen gegliedert wird, ist eine Auseinandersetzung mit dem Rassebegriff unumgänglich. Aus Steiners Gesamtwerk holt Göpfert auch die nötigen Anregungen, wie die Gliederung nach Rassen, also nach Kollektiven, überwunden werden kann zugunsten des Individuellen, Einzelmenschlichen, dessen, was in neuen Gemeinschaftsformen Menschen durch gemeinsame seelische Entwicklung einander nahe bringt. Die großen Naturräume der Erde werden anschließend beschrieben gleichsam als Gefäße für spezifische Kulturausprägungen (aber auch Afrika hatte autochthone Hochkulturen wie Benin, Mali und andere Sahelstaaten, Darfur, Zimbabwe(?); S. 207 im Gegensatz zur dort stehenden Behauptung). Hier erarbeitet Göpfert eine Viergliederung der Erde, die ich ohne jeden weiteren Kommentar an den Schluß stelle, weil sie in ihrer Qualität für sich spricht:

1) Räume, die durch Europäer oder aus Europa stammende Bevölkerung geprägt sind: abendländischer, angloamerikanischer und australischer Kulturkreis.

2) Räume der Überlagerung autochtoner Bevölkerungen durch europäische Zuwanderer: iberoamerikanischer (lateinamerikanischer), sibirischer Kulturkreis.

3) Fortbestehen alter Kulturstrukturen gegenüber der beginnenden Technisierung: schwarzafrikanischer, orientalischer, indischer, malaiischer (südostasiatischer) und (evtl.) zentralasiatischer Kulturkreis.

4) Gezielte Aneignung moderner Technik durch Völker alter Kultur: chinesisch-japanischer (ostasiatischer ) Kulturkreis. (20 Literaturvermerke).


Ein Resümee: Das Buch ist ein Sammelband mit hervorragenden Aufsätzen (trotz kleiner Kritik im Detail) qualifizierter Autoren, einige etwas blasser, andere strahlender. Ein Altmeister hat 14 Einzelwerke gegliedert und mit einer gemeinsamen Klammer vereinigt. Was hätte ich mir noch gewünscht? Etwas mehr originäres, also mehr als 4 von 14 Teilen, aus jedem Kulturkreis eine ausgearbeitete Fallstudie (Beispiele: Südamerika, Nordafrika (SEKEM), Ostasien, Europa oder Neuseeland), etwas weniger Regenwald und dafür mehr Wüste (gleichwohl beide innig zusammenhängen!). Ich bin froh um diesen Sammelband und werde ihn nie mehr missen wollen.

(Wolfgang Creyaufmüller)

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